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Thorsten Simmel

Rechtswirkung der amtlichen AfA Tabellen

Die Angaben in den amtlichen AfA-Tabellen gelten als Standard für den Ansatz der betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer, die als Basis für die Abschreibung von Vermögensgegenständen in Unternehmen in Deutschland und Österreich dient. Oft werden diese Tabellen in der Buchhaltung sogar in einer Form verwendet, als ob sie Gesetze wären. Dabei gelten sie eigentlich nur als Richtlinie für die deutschen Finanzbehörden. Natürlich kann jeder Steuerpflichtige die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer selbst ermitteln oder schätzen. Jedoch werden sowohl die Finanzbehörden als auch Wirtschaftsprüfer einen Nachweis verlangen, wenn man von den offiziellen AfA-Tabellen abweicht. In diesen ist bspw. für einen Pkw eine betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer von 6 Jahren festgesetzt. Weicht man nur in geringem Maße davon ab, also bspw. mit einer Nutzungsdauer von 5 Jahren oder 7 Jahren, gibt es nur selten eine Diskussion über die Richtigkeit dieser Werte. Setzt man jedoch 3 Jahre oder 10 Jahre an, wird der Steuerpflichtige einen Nachweis erbringen müssen. Kann er dies, bspw. durch historische Daten, soll er sogar von den AfA-Tabellen abweichen. Dabei zeigen ja gerade diese Tabellen selbst, sowie bei Pkw auch die österreichische Gesetzgebung, dass andere Werte durchaus plausibel sind. So sind im EStG von Österreich 8 Jahre festgeschrieben, während für Deutschland die AfA-Tabelle für den Garten-, Landschafts-, und Sportplatzbau nur 4 Jahre vorsieht.
Aus diesem Grund soll ein Steuerpflichtiger sogar eigene Werte für die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer eines Gegenstands oder einer Anlage ermitteln. Gerade wenn man zum Beispiel für die Servicetechniker 100 Pkw dauerhaft im Einsatz hat und über die letzten 20 Jahre eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 3 Jahren oder bspw. von 9 Jahren ermittelt wurde, soll der Buchhalter in diesen Fällen sogar erheblich von den AfA-Tabellen abweichen. Was spricht denn bei dieser Datengrundlage dagegen? Problematisch wird es dagegen, wenn ein Unternehmen in den letzten Jahren nur insgesamt zwei oder drei Pkw im Einsatz hatte. Dann wird natürlich eine Begründung, warum die eigenen Kenntnisse besser sein sollen, als die Daten von einer Vielzahl von Unternehmen, die über die Finanzbehörden und Branchenverbände zusammengetragen wurden und die als Grundlage für die offiziellen, amtlichen AfA-Tabellen dienen, schwer fallen.


Hat die Buchhaltung nun bessere Daten als die Finanzbehörden, kann der Steuerpflichtige sich den Ansatz der Abschreibungsdauer aussuchen. Sind für ihn die 6 Jahre der amtlichen AfA-Tabellen vorteilhaft, kann er diese ansetzen und das Finanzamt kann von sich aus nicht davon abweichen (siehe bspw. Finanzgericht Niedersachsen, Urteil vom 09.07.2014 - Az. 9 K 98/14). Sind für ihn die eigenen Werte besser, kann er den abweichenden Ansatz der betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer entsprechend begründen und das Finanzamt wird dies bei hinreichender Begründung akzeptieren müssen. Das Finanzgericht sagt in seinem Urteil ganz klar: „Für den Steuerpflichtigen handelt es sich um das Angebot der Verwaltung … , das er … annehmen kann, aber nicht muss.“ Lediglich für einzelne Vermögensgegenstände gibt es Ausnahmen, bspw. für die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer von Gebäuden in Deutschland und Österreich. Hier gibt es gesetzliche Vorschriften, von denen auch bei besseren Erkenntnissen, wie beispielsweise durch Gutachten, nicht abgewichen werden kann.
Wird in der Buchführung eine Anlage erstmalig angesetzt und kann man daher nicht auf Daten in der Vergangenheit schauen, sollte der Buchhalter allerdings auch kritisch mit den Angaben, die von Herstellern, Technikern und anderen kommen, umgehen. Natürlich können gerade Techniker schon eine sehr gute Schätzung abgeben, wie lange die verschiedenen Maschinen, Fahrzeuge, Gerätschaften und Werkzeuge in etwa nutzbar sein werden. Oft sind aber verkürzende Ereignisse, wie Unfälle oder Fehlbedienungen, für die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer nicht berücksichtigt oder die Werte für Wirtschaftlichkeitsberechnungen sehr optimistisch angesetzt. Auch die Wirkung von Weiterentwicklungen wird gerade bei der Nutzungsdauer von Software gern unterschätzt. Der Blick in die AfA-Tabellen zur Plausibilisierung der gemachten Angaben ist daher in jedem Fall sinnvoll. Den gerade die betriebsgewöhnliche Nutzungsdauer entspricht nicht der Dauer, die eine Anlage, Maschine oder ähnliches theoretisch genutzt werden kann, sondern die diese Dinge im Durchschnitt in einem Unternehmen genutzt werden. Dazu gehört dann auch, dass zum Beispiel Gabelstapler, Pkw, Lkw oder andere Fahrzeuge auch immer wieder Unfälle erleiden, so dass sie das theoretische Ende ihrer Lebensdauer gar nicht mehr erreichen können. Spätestens beim folgenden Jahresabschluss wird der Wirtschaftsprüfer die angesetzte Dauer der Abschreibung mit den AfA-Tabellen dann auch vergleichen und Abweichungen von diesen kritisch hinterfragen. Dann sollte die Buchhaltung in der Lage sein, die Abweichung wasserdicht begründen zu können. Solche Begründungen müssen dann auf konkreten Erfahrungswerten, Gutachten oder ähnlichem aufbauen. Theoretische Annahmen und Bauchgefühl reichen dann nicht aus.


Verantwortlich für diesen Beitrag: Thorsten Simmel