Das Foto-Album - Zur Hochzeit - Zur Geburt der Kinder
Ein sehr privater Moment. Die Familie hat sich zusammengefunden, ein Feiertag, ein Sonntag. Um den Wohnzimmertisch haben sich die Generationen versammelt. Jemand sagt: "So jung kommen wir nicht wieder zusammen." Und die Gespräche nehmen ihren Lauf. Man lacht und erinnert sich.
Und auf ein Stichwort hin, kramt Mutter aus dem Wohnzimmerschrank eines der vielen Foto-Alben. Das ist der Zeitpunkt, wo alle Anwesenden wieder zu Kindern und jungen Erwachsenen werden. Die Hochzeitsbilder der Eltern. Die Geburt des ersten Sohnes. Der erste gemeinsame Urlaub im Harz. Vater mit der Schlägermütze auf dem Kopf und er wurde nicht müde, die Landschaft, die gute Luft, das reichhaltige Frühstück zu loben. Mutter als Teenager in den engen Stretchhosen, da hatten die Fotopapiere noch gezackte Ränder.
Damals, in den 60er Jahren ein Foto zu schießen, das wurde inszeniert: „Hans, rück ein wenig näher zu Oma und mach ein anderes Gesicht.“ Es wurde nicht einfach drauf los geknipst, denn Film, Entwicklung und das Foto, das alles hatte seinen Preis. Der Autor selbst erinnert sich, daß kleine mit Magnesium und Thorium, Cer und Zirconium gefüllte Teebeutel in Flammen aufgingen, um halbwegs deutliche Bilder in geschlossenen Räumen zu ermöglichen. Ein explosive Angelegenheit. Man war angehalten, ein freundliches Gesicht zu machen. Da hieß es nicht „Cheese“, sondern: „Da kommt ein Vögelchen.“
Die Fotografien wurden säuberlich in ein Foto-Album sortiert. Man benutzte dazu Fotoecken, die mit einer selbstklebenden Rückseite ausgestattet waren. Ein paar handschriftliche Notizen ins Buch: 4. Mai 1962 an der Nordsee; die Glückwunschkarte zur Hochzeit von Tante Maria; eine fast künstlerische Zeichnung vom Herrn des Hauses. Ein Fotoalbum hat diesen Pergamentbogen zwischen den Seiten. Das Knistern beim Umblättern erhöht die Spannung.
Und was sagen einem die Fotografien heute? Hans besitzt noch das charmante Lächeln wie damals, Großvater Zilli blieb verschmitzt ein Leben lang. Das Album macht die Runde und jeder erinnert etwas anderes, etwas neues. Die Anwesenden haben sich wenig verändert, fast überhaupt nicht. Vielleicht zehn Kilo um die Hüften, ein paar Haare sind grauer und dünner. Das Fotoalbum, unbekümmert und unbestechlich dokumentiert es die Geschichte einer Gemeinschaft und vergegenwärtigt zauberhaft das Vergangene.
2010-09-05 | 12:31 Uhr - Visits: 3270
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