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Karin Kratzer

Ayurveda, Gesundheitslehre mit jahrtausendealter Tradition

Um die Philosophie des Ayurveda verstehen zu können, müssen wir die Uhr der Menschheitsgeschichte weit zurückdrehen: Forscher gehen davon aus, dass der Ayurveda die älteste uns bekannte medizinische Lehre ist, älter als die chinesische und viel älter noch als unsere abendländische Medizin.
Die Keimzelle medizinischer Lehren
Aufgrund dieser langen Tradition und wegen seiner umfangreichen, detaillierten Inhalte vermutet man sogar, dass Ayurveda die Keimzelle aller medizinischen Lehren ist. Den genauen zeitlichen Ursprung des ayurvedischen Systems kennt allerdings niemand ganz genau. So behaupten einige Fachkundige, dass der Ayurveda bereits um 5000 vor Christus entstanden sei, andere datieren ihn auf etwa 3000 vor Christus. Die ersten Texte, in denen über das Heilsystem berichtet wird, stammen aus der Zeit um 700 vor Christus. Anzunehmen ist jedoch, dass vor der schriftlichen Fixierung eine lange Tradition mündlicher Überlieferung bestanden hat.
Das heilige Wissen aus dem höheren Bewusstsein
Am Fuße des Himalaya sitzend empfingen einige meditierende Gelehrte die Botschaften des Ayurveda, damit Krankheiten aus der Welt geschafft werden könnten, die die Menschen davon abhielten, ihre inneren Werte zu entfalten. Nur so könne der Mensch ein von Bewusstheit geprägtes, erfülltes Leben führen, die »stille Intelligenz der Natur« erkennen und sein Leben danach ausrichten. Auf diese Weise bewahre uns das heilige Wissen vor Leiden, Schmerz und Krankheit. Außerdem erteilten sie uns den überaus weisen Rat, dass jeder nach seiner Pflicht leben solle, aber auch für Gleichgewicht zwischen Pflicht, Besitz und Freude sorgen müsse, um seine Gesundheit zu erhalten.



Die Veden - Bücher des Wissens
Das heilige Wissen ist in den »Veden« oder »Vedas« schriftlich festgehalten. In diesen Texten ist nachzulesen, dass die Überlieferungen nicht von den Menschen verfasst wurden, sondern »die in Klang und Form gebrachten Strukturen unseres Bewusstseins« sind, in dem sich »alle Gesetze des Universums« wiederfinden. Den Veden kommt in Indien auch heute noch größte Beachtung zu. Sie werden als zeitlose, »ungeschaffene« Realität betrachtet. Eines der ältesten Zeugnisse indischer Heilkunst ist der et¬wa 2000 Jahre alte »Rig-Veda«, in dem bereits Operationen, Prothesen und über 50 Heilpflanzen beschrieben werden. Mehr und ausführlicheres Wissen findet sich in dem 700 vor Christus entstandenen »Atharva-Veda«, der schon 300 heilkräftige Pflanzen beschreibt und eine Vielzahl von Therapiemöglichkeiten für die verschiedensten Krankheiten enthält. Die Blütezeit der ayurvedischen Heilkunst umfasst die Jahre 200 vor bis 500 nach Christus. Damals beschrieben indische Heilkundige die Behandlungsmethoden, die auch heute noch die ayurvedische Diagnose und Therapie bestimmen. Von dieser Zeit an wurde das heilige Wissen als »Wissenschaft vom gesunden Leben« an indischen Universitäten gelehrt.
Das wiederentdeckte Wissen
Im weiteren Verlauf der Geschichte Indiens musste das uralte Gesundheits- und Heilsystem allerdings immer wieder Rückschläge hinnehmen: Islamische Eroberer unter¬drückten vom 16. Jahrhundert an den Ayurveda. Als Indien unter der Herrschaft Englands stand (von 1839 bis 1947), geriet der Ayurveda abermals fast in Vergessenheit. Traditionelle, landestypische Lebens- und Denkweisen mussten westlichen Wertesystemen weichen, so dass der Ayurveda zunehmend in den Ruf einer »Arme-Leute-Medizin« kam. Erst mit der indischen Unabhängigkeitsbewegung ging auch eine Rückbesinnung auf die alten Heilweisen einher: Das »Wissen vom gesunden Leben« gelangte zu neuen Ehren. Seither sind indische Forscher und Ärzte ständig bemüht, die alten Texte wieder zu lesen, sie in eine neuzeitliche Sprache zu übersetzen und Experimente durchzuführen, die die Wirksamkeit ayurvedischer Rezepturen und Behandlungsmethoden bestätigen. Zahlreiche Studien haben inzwischen den wissenschaftlichen Nachweis erbracht, dass die ayurvedischen Therapien, Medikamente und Methoden die versprochene Heilkraft besitzen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstützt und fördert daher mittlerweile die Gesundheitslehre des Ayurveda. Heute haben in Indien angehende Ärzte nach einem einheitlichen Grundstudium die Möglichkeit, zwischen drei medizinischen Richtungen zu wählen: der westlichen Schulmedizin, der Homöopathie und dem Ayurveda.



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Verantwortlich für diesen Beitrag: Karin Kratzer